Komm, giess mein Glas noch einmal
ein,
Reinhard Mey (1942)
Komm, gieß mein Glas noch einmal
ein
Mit jenem billgen roten Wein,
in dem ist jene Zeit noch wach,
Heut trink ich meinen Freunden nach.
Bei diesem
Glas denk ich zurück
An Euch, mit denen ich ein Stück
Auf meinem Weg gegangen bin;
Mit diesem Glas trink ich im Sinn
Nach Süden, Osten, West und Nord
Und find Euch in Gedanken dort,
Wo immer Ihr Zuhause seid,
Seh die Gesichter nach der Zeit
In meinem Glas vorüberziehn,
Verschwommene Fotografien,
Die sich wirr aneinanderreihn:
Und ein paar Namen falln mir ein.
Karl, der
sich nicht zu schade fand,
Der, wenn es mulmig um mich stand,
So manche Lanze für mich brach.
Auf Klaus, der viel von Anstand sprach
Und der mir später in der Tat,
Die beste Pfeife geklaut hat.
Mein Zimmernachbar bei Frau Pohl,
Der nach Genuß von Alkohol
Mein Zimmer unerträglich fand
Und alles kleinschlug kurzerhand.
So übte der sich damals schon
Für seine Weltrevolution.
Dem stets
betrunknen Balthasar,
Der immer, wenn er pleite war,
Seinen Kredit bei mir bekam,
Und wenn ich mich selbst übernahm,
Dann zahlte stets der Franz für mich,
Bis Balthasar die Schuld beglich.
Volker und Georg, die mit mir
Brüderlich teilten Schnaps und Bier,
Die fahrn zu dieser Zeit voll Rum
Auf irgendeinem Pott herum,
Auf irgendeinem Ozean
Und spinnen neues Seemannsgarn.
Verwechsle
ich Euch, vergaß ich Dich,
Läßt mich mein Gedächtnis im Stich?
Vieles ist schon so lange her,
Kenn ich nicht alle Namen mehr,
So kenn ich die Gesichter doch
Und erinnere mich noch.
Und widme Euch nicht wenger Raum,
Geschrieben haben wir uns kaum.
Denn eigentlich ging keiner fort:
In einer Geste, einem Wort,
In irgendeiner Redensart
Lebt Ihr in meiner Gegenwart.